Es ist ein bisschen erschreckend, dass ich das Gefühl habe, gerade vorgestern die Verschiebung der ganzen Aktion gutgeheißen zu haben während ich in Wahrheit jetzt schon einen ganzen Monat zu spät dran bin und das halbe Forum bereits tolle Listen veröffentlicht hat. Jetzt, wo ich meine endlich fertig habe, traue ich mich dann auch mal wieder in eure Threads und lese mir durch und höre mir an, was ihr alles schönes zusammengetragen habt.
Aber um es hier nicht noch unnötig spannend zu machen ist Platz 10 meiner 10 weiteren quorkigen Quorkplatten (Reihenfole ist aber eigentlich beliebig):
10. Neil Young - Everybody Knows this is Nowhere Das hier ist schon sehr 1969, doch Neil Young schafft es dann doch, eine ordentliche Spur interessanter zu sein als die meisten seiner Country-Bluesrock-Zeitgenossen. Es ist wahrscheinlich dieser Kontrast zwischen brachial-bratzigen Gitarren und dieser zarten Stimme, die den ganz großen Unterschied macht.
9. Arcade Fire - Funeral In Zeiten, in denen Arcade Fire wieder irgendwas veröffentlichen, was mich kalt lässt, muss ich dieses Album mal wieder hervorholen, das mich bis heute mit seiner wunderschönen Zerbrechlichkeit und Rohheit im tiefsten Inneren erschüttert. Wahrscheinlich war der Opener nie wahrer als während dieser bleiernen Coronajahre. „I'll dig a tunnel, from my window to yours.“
8. The Stooges - Raw Power Alles an diesem Album ist gefährlich: Der Geist auf dem Cover, die reißenden Gitarrenriffs, die unbedarfte Lautsprechermembranen an die Existenzgrenzen zerren, und nicht zuletzt Iggy Pop, der sich hier wie ein tollwütiger Hund buchstäblich durch acht Proto-Punk-Bretter nagt und beißt. Ich kenne wenig Musik, die eine so animalische Gewalt ausströmt. Nicht in dem Sinne schön, aber beeindruckend.
7. Chet Baker – Chet Baker Sings „Time after time“ höre ich mir dieses Album an, und „this old feeling“ beschleicht mich, „like someone in love“. Ja, wenn ich dich höre, „My buddy“, dann weiß ich: „I've never been in love before“. In traurigen Momenten, wenn ich „Look for that silver lining“, dann bist da du, und mir wird klar: „It's always you“: Unglaubliche Wärme direkt aus der Trompete.
6. Billy Bragg - Workers‘ Playtime Dieses Album kommt mit einem nach maoistischer Propaganda aussehenden Cover daher und enthält zu allem Überfluss auch noch den musikalisch schönen aber politisch wahrscheinlich als bescheuert zu bezeichnenden Song „Waiting for the Great Leap Forward“. Trotzdem liebe ich es, denn es enthält einige von Braggs absoluten schönsten Songwriterperlen, allen voran das wunderbare Liebeslied „She's got a new spell“.
5. Mine & Fatoni - Alle Liebe nachträglich Fatoni ist eh gut, Mine gibt mir dagegen normalerweise nicht ganz so viel. Aber hier in Kombination haben sie ein Konzeptalbum über zerflossene Liebe geschaffen, dass mich während einer Trennung vor ein paar Jahren wirklich sehr abgeholt hat. Beziehungskitsch in gut. Anspieltipp: „Mehr“ (mein Einfallstor für den ebenfalls wunderbaren Tristan Brusch).
4. The Cure – Desintegration Als Teenie vom Flohmarkt mitgenommen war das meine erste selbst gekaufte Vinyl-LP und sie klingt für mich auch heute, 33 Jahre nach Veröffentlichung, vor allem: frisch. Eine Platte wie in Zeitlupe zerbrechendem Glas in einer von Neonlicht beleuchteten Großstadt im Rregen.
3. Lin Manuel Miranda – Hamilton (Original Broadway Cast Recording) Wahrscheinlich ein bisschen uncool, aber es gibt wohl kein Album, das mich in den vergangenen zwei Jahren dermaßen unerwartet erwischt hat. Auch wenn er von allen Sängern des Musical am schlechtesten singt, es sicher besseren Hip Hop und auch bessere Musicals gibt (letzteres kann ich nicht beurteilen): Miranda hat hier ein ziemliches Meisterwerk geschaffen.
2. Soap & Skin - Lovetune for a Vacuum Wer weiß, welche sehrspätpubertäre Depression mich damals in ihrem Griff hatte. Aber dieses Album hat sich genau im richtigen Moment mit all seinem Drama in mein Herz gefressen und sitzt da bis heute fest. Und bis heute provoziert Anja Plaschgs Stimme völlig ohne Anlass wohlige Klöße in meinen Hals. Teenage Angst in perfection.
1. Ton Steine Scherben - Keine Macht für Niemand Irgendwann in den späten Nullerjahren, während ich in schlaksigen Schritten aufs Abi zuging, fing ich an, für eine Lokalzeitung Plattenkritiken zu schreiben. Einer der älteren Jungs, die dort auch schrieben, empfahl mir bei einem der ersten Biere, die ich mit Genuss weil in guter Gesellschaft trank, diese Band. Und welches Glück: In der Plattensammlung meines Vaters fand ich am nächsten Tag tatsächlich dieses Album als Doppel-LP in einem abgegrabbelten Kartonschuber, der sich nicht wie ein Plattencover sondern wie ein Pizzakarton anfühlte. Das allein schon faszinierte mich, weil das ganze Artwork wirkte, als habe mein Vater das Album persönlich in einer Kellerwerkstatt im besetzten Bethanien erstanden. Und die ersten Töne versetzten mich dann auch direkt innerlich in ein besetztes Haus und ließen mich imaginäre zehn Weinflaschen leeren. Obwohl ich damals noch gar keinen Wein trank. Denn mal abgesehen davon, dass dieses Album irgendwie deutsche Geschichte ist, ist es auch einfach phantastische Rockmusik in einer Qualität, wie ich sie bis dahin (und auch lange danach) keiner anderen deutschen Band attestieren würde. Rios naiv-platte Protestlyrik und unverschnörkelte Liebesbotschaften kann man ein bisschen angestaubt finden. Sein unprätentiöser Schnodderton war für mich lange jedoch absoluter Ausdruck von Selbstbewusstsein und Coolness. Heute schreibe ich immer noch beruflich. Nicht mehr über Musik, aber immerhin. Und bis heute singe ich oft leise - und im Home Office zur großen Irritation meiner Freundin auch manchmal laut - „Feierabend“, denn die Arbeit ist vorbei – und du bist frei.
Hey, sechs Stück auf der Habenseite (1,4, 7, 8, 9, 10) und alle super. Nur ein gänzlich unbekannter Interpret (3).
Spannend finde ich die Zusammenarbeit von Mine & Fatoni. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die beiden zusammenpassen. Aber gut, da werde ich mich mal rantrauen.
Schöne Liste jedenfalls. TSS könnte ich ja auch mal wieder hören. Bei Neil Young habe ich das heute Nacht gleich getan. Und Chet Baker war letzte Woche zufällig dran.
http://www.last.fm/de/user/DerWaechter ehemaliger Influencer * Downtown * Radebrecht * "Die einzige Bevölkerungsgruppe, die man risikolos beleidigen kann, sind die Dummen. Da fühlt sich nie einer angegriffen." (Ronja von Rönne) “The sex and drugs have gone and now it’s just the rock ‘n’ roll” (Shaun Ryder)
TSS, arcade fire, chet baker und die cure-platte (meine einzige von ihnen) hab ich sogar, und danke für den erneuten schubs, mir endlich mal "cinnamon girl" und die stooges in den schrank zu stellen! mit soap&skin fremdle ich immer ein wenig, obwohl das eigentlich genau meine baustelle sein müsste. ich werd mich aber noch mal mit ihr beschäftigen, wenn ich mich den mir unbekannten interpreten deiner liste widme, vielleicht klickts ja dann.
Danke für die Stooges, kann (und muß) hier aber natürlich noch dringend die von Iggy höchstselbst auf Ratschlag von Henry Rollins hin remasterte Version des Albums empfehlen. Soundmäßig ein Unterschied wie Radiowecker zu Stereoanlage.
We don't believe in anything we dont stand for nothing. We got no "V" for victory cause we know things are tougher.
(Iggy Pop/James Williamson: "Beyond The Law")
---------------------------------------------------------------- From the river to shut the fuck up.
Gar nicht so einfach zu erkennen. Von remastert steht da nichts, es ist allerdings eine neu gemischte Version, denn es ist nicht durchgehend der originale Bowie-Mix.