Grade ein spontaner Einfall: häufig möchte man ja mitteilen, wie die Platte ist, die man gerade hört (oder irgendeine, die einem spontan einfällt); im "Ich höre gerade" - Thread geht das aber meistens ziemlich unter. Natürlich kann man das weiterhin auch dort tun; aber wenn man mehr als einen Satz/ein Wort mitzuteilen hat, kann man auch eine Kurzrezension erstellen und hier reinposten; wenn es eine ausführliche Rezension wird, auch gut. Bester/schlechtester Song, eine Bewertung (was mir immer Spaß macht) oder einfach ein Verriß, wenn irgendwas gar nicht geht: der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Also: nur zu.
We don't believe in anything we dont stand for nothing. We got no "V" for victory cause we know things are tougher.
(Iggy Pop/James Williamson: "Beyond The Law")
---------------------------------------------------------------- From the river to shut the fuck up.
Meiner Meinung nach ein unterschätztes Album, auch wenn das Joachim Hiller im OX anders gesehen und anläßlich des Reissues einen ziemlichen Verriß abgeliefert hat. Stilistisch ist das schwer einzuordnen; der Opener "Run Like A Villain" startet mit einem blechernen Elektrobeat und prescht gut vorwärts, das entspannte "The Villagers" mit seinem bösen Text und das sinistre "Life Of Work" mit seiner unheildräuenden Atmosphäre lassen einen bis zum Ende der ersten Seite fast glauben, ein großartiges Album aufliegen zu haben, doch leider kommt dann das versoffene "The Ballad Of Cookie McBride" ums Eck getorkelt und geht einem mit seinem schiefen Gesang erstaunlich flott auf den Sack. Allerdings hat Iggy dann auch schon die richtig guten Songs auf Seite A verbraten, denn die B - Seite schwächelt doch etwas; es bleibt anfangs nicht viel hängen, und gegen Ende wird es dann anstrengend. Nach dem merkwürdigen "Watching The News" mit seinen metallisch verfremdeten Polyrhythmikeinflüssen kann man "Street Crazies" als "experimentell" ansehen, aber auch als nervtötenden Quatsch. Ich tendiere zu letzterem. Bemerkenswert ist die teilweise kalte, fast schon sterile Produktion, die aber zum vorhandenen Songmaterial paßt. Die guten Songs mag ich sehr, darum würde ich die Platte auch weiterempfehlen; über den Rest kann man großzügig hinwegsehen.
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We don't believe in anything we dont stand for nothing. We got no "V" for victory cause we know things are tougher.
(Iggy Pop/James Williamson: "Beyond The Law")
---------------------------------------------------------------- From the river to shut the fuck up.
Gerade heute habe ich mir nämlich folgendes Album angehört:
Placebo - Without You I‘m Nothing (1998)
Ich habe das Album schon ewig nicht mehr gehört. Die Band ist zwischenzeitlich auch ziemlich bei mir in Ungnade gefallen, dabei waren die ersten beiden Alben wirklich große Klasse.
Laut Wikipedia hat Brian Molko im Nachhinein die Songauswahl wegen zu vieler Balladen moniert und empfand das Album wohl als überproduziert. Bei ersterem stimme ich ihm ganz klar zu. „My Sweet Prince“ bspw. ist schon ein bisschen sehr triefig, „Ask for Answers“ und „Summer‘s Gone“ sind auch eher Füller als Höhepunkte auf dem Album. Von der legendären Vorab-Single „Pure Morning“ hatte ich damals die Video-Premiere auf MTV gesehen, und weiß noch heute, wie mir damals die Spucke wegblieb.
Es war noch gar nicht so lange her, dass ich das Debut-Album für wenig Geld bei Karstadt auf dem Grabbeltisch erworben hatte, und ich erwartete nicht unbedingt nochmal etwas von denen zu hören. Zuvor hatte ich den Rockpalast-Auftritt vom Lorelei-Festival (ganz früher Slot, wenig Besucher:innen, Tageslicht, halbe Stunde) auf VHS mitgeschnitten, und hatte mich gerade mit deren Musik angefreundet. Starker Auftritt, übrigens.
„Pure Morning“ schlug eine überraschend neue Richtung ein, nicht zuletzt gesanglich. War das Debut-Album noch sträflich schwach produziert (klang wie ein sehr ordentliches Demo), klang dies schon voll auf der Höhe der Zeit, und klingt auch heute noch frisch.
„Brick Shit House“ gibt einen Eindruck, wie das Debut hätte klingen können, mit etwas mehr Budget. Von wegen „überproduziert“. Die Produktion ist nahezu perfekt, für meine Begriffe. Die Gitarren brezeln, was das Zeug hält, und was ich vor allem mag: Die Vocals sitzen genau so im Mix, wie sie sollen, nämlich mittendrin — nicht zu laut, nicht zu weit vorne. Insbesondere in Deutschland mixt man den Gesang gerne so, wie beim Karaoke, nämlich viel zu laut und ganz weit vorne, so als ob die restliche Band nur dazu da wäre, den Gesang zu begleiten.
Bei „You Don‘t Care About Us“ fiel es mir anfangs schwer, die Ähnlichkeit zu „Just Like Heaven“ von The Cure zu überhören. Heute stört mich das gar nicht. Heute denke ich an dieses Stück, wenn ich „Kong“ von The Notwist höre — auch ein Hammer-Song.
Das Titelstück „Without You I‘m Nothing“ gibt es auch in einer Duett-Version mit David Bowie. Wie alle Singles von diesem Album besitze ich auch diese. Beim Albumhören heute fehlte mir seine Stimme. Das Konzept des Stückes ist ein bisschen von ihm abgekupfert, da fortlaufend neue Parts angefangen werden, ohne zu einem vorherigen wieder zurückzukehren, so ähnlich wie Bowie das bei „Ashes To Ashes“ gemacht hat.
„Every You Every Me“ gehört vielleicht zu den Stücken, an denen man sich satthören kann. Nachdem ich die Platte ewig nicht mehr gehört habe, geht das jetzt aber wieder recht gut. Brian Molko‘s Art ertrage ich nicht sonderlich lange, und hier bekommt man schon eine Menge Molko um die Ohren gehauen, aber der Song ist immernoch genial. Hier kommt wieder der charakteristische Kunstgriff zur Geltung, den Bass durch eine Bariton-Gitarre zu ersetzen. Dazu werden noch subtil Keyboards dazugemischt. Der Sound, der dadurch entsteht ist echt fett, und es macht Spaß, genauer hinzuhören.
„Scared of Girls“ ist der letzte (reguläre) Knaller, bevor es wieder schnulzig wird. Zum Schluss, als Hidden Track, gibt es mit „Evil Dildo“ noch einen Krach-Jam, der vielleicht ein bisschen an Nirvana‘s „Endless Nameless“ erinnert oder erinnern soll. So brachial ist es dann nämlich doch nicht im Vergleich. Da flacht die Produktion tatsächlich etwas ab, obwohl es schon ordentlich lärmt. Anstelle von Gesang treten hier Klangfetzen aus Brian Molko‘s Anrufbeantworter in Erscheinung, die ein anonymer Anrufer mit Morddrohungen versehen hat. Respekt für den kreativen Umgang damit. Zum Schluss kommt noch ein Sample von Aphex Twin, aber das habe ich erst heute erfahren.
Nunja, die damalige Begeisterung ebbte ab, als mit dem Nachfolgealbum „Black Market Music“ jegliche Bemühungen einer Weiterentwicklung bis zum heutigen Tage begraben wurden. Vorher konnte ich Brian Molko anstrengend finden und trotzdem seine Musik mögen — heute kann ich das nicht mehr.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Placebo. Ich weiß gar nicht, wie oft ich damals erst den Song "Without You I‘m Nothing" und dann später das zugehörige Album gehört habe. Ich finde es auch ziemlich gut produziert. Das genau richtige Maß aus einer gewissen Rotzigkeit und Pop-Appeal. Auch wenn mir danach noch die ein oder andere Single gefallen hat, meine Begeisterung ist schnell abgeebbt auf Album-Ebene. Aus Neugierde habe ich mir das letzte Album mal angehört. Mittlerweile ist das dann wirklich überproduziert und obendrein ziemlich steril mit den ganzen Plugin-Sounds. Das Lebhafte ihrer frühen Sachen fehlt mittlerweile völlig.
Wie gesagt: Weiter als „Black Market Music“ bin ich schon gar nicht gekommen. Tatsächlich fand ich damals schon, dass fast jeder Track darauf ein genaues Pendant auf dem Vorgänger hatte, angefangen mit dem ersten Stück „Taste In Men“, das (zufälligerweise) ebenso auf Sample-Loops aufbaut wie „Pure Morning“. Dummerweise wurde das Berlin-Konzert zu „WYIN“ damals sehr kurzfristig abgesagt. Das Konzert hätte ich wirklich sehr gerne gesehen.
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Wüsste jetzt nicht, was besser daran sein soll, jedesmal einen neuen Thread zu eröffnen, der dann meistens nur wenige male kommentiert wird. Abgesehen davon steht noch immer jeder und jedem diese Option frei.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Ich erinnere mich auch noch daran, als ich mal den Vorschlag gemacht habe, wir bräuchten einen Rezensions-Thread. Da kam als Antwort: Wir haben einen Album-Thread, das kann man alles da reinschreiben.
Die letzten Sechs in der Playlist: Honeyglaze - Real Deal || Laura Marling - Patterns In Repeat || Nieve Ella - Watch It Ache and Bleed || Dawn Richard & Spencer Zahn - Quiet In a World Full of Noise || Flip Top Head - Up Like a Weather Balloon || Haley Heyndericks - Seed of a Seed
Danke für den tollen Review. Vieles davon teile ich, könnte das aber nicht so eloquent beschreiben. Mir blieb damals auch die Spucke weg, als ich das Video erstmals gesehen hatte. Die Platte war sehr wichtig, und erst danach habe ich die "Placebo" erstanden und ebenso geliebt. Die Euphorie blieb dann ebenfalls leider ab Black Market Music aus.
Zitat von CobraBora im Beitrag #6Früher gabs mal dieses seltsame Konzept namens "Album-Thread". Interessiert nur leider keinen mehr.
Glaube nicht, dass die noch groß sinnvoll sind hier, aber mMn sind Künstler*innen-Threads eher die Lösung, weil Meinungen zu bestimmen Platten oder Leuten dann nicht übers ganze Forum verstreut sind und man sich im Zweifel nicht wiederholt.
Davon abgesehen muß man jetzt nicht zwingend drölfzich Posts lang über Sinn und Unsinn dieses Threads diskutieren. Wenn er niemanden interessiert, geht er noch früh genug von selbst ein.
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(Iggy Pop/James Williamson: "Beyond The Law")
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Ich finde prinzipiell auch, dass Rezensionen zu Alben besser im entsprechenden Interpretenthread aufgehoben sind, die fast alle siechend dahindümpeln, das gilt m.E. sogar auch für Konzertreviews, Albenankündigungen und News. Aber hier könnten ja sonst auch vorrangig Besprechungen zu Compilations und raren Veröffentlichungen rein. Einen Sinn macht der Thread insgesamt schon.
Wie ich schrob: bitte keine Endlosdiskussionen. Macht halt einfach oder laßt es bleiben. Sorry für den ruppigen Ton, aber ich sehe hier schon drei Rezensionen und 37 Posts, die sich um den Sinn dieses Threads drehen. Und das ist - mit Verlaub - komplett für den gelben Sack.
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(Iggy Pop/James Williamson: "Beyond The Law")
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