"Grippo" ist eine Wucht von Song, die genau zum Vortrag und der Attitüde des Agenda-Poeten und Reznor-Kumpanen Saul Williams passt, der mir vermutlich auch das Telefonbuch Lingen & Umgebung mit einer solchen Überzeugung und Kraft vortragen könnte, dass ich ihm jede Nummer aus der Hand fräße. Sein zweites Album war damals mein erstes und traf mich im richtigen Moment, als ich mehr vom Hip-Hop wollte, oder besser, etwas anderes wollte. Ich sezierte seine Texte, Reden, Vorträge und Lyrics, wie ich mich selten zuvor dabei erwischte und empfand gerade das wohl bekanntere "List of Demands", den Piano-Hüpfer "Black Stacey" oder das hämmernde "Control Freak" als Arschtritte, die ich, die Rap, die Musik, die alle ab und an mal gut gebrauchen können. Nur "Grippo" konnte das überbieten, kam mit zitierwürdigem Mundwerk, massivem Beat und 3 Minuten Wahnsinn um die Ecke. Immer hatte ich mir geschworen den Song bei meinem ersten DJ-Set aufzulegen und habe mich am Ende selbst enttäuscht, dafür ziert er meine bis dato erfolgreichste Lauf-Playlist, das ist doch auch schön.
89 Skream Midnight Request Line 12" / Skream! 2005/6
Wie ich dahinkam, wer daran Schuld trug und wer und warum und wieso, folgt später ausführlich, hier aber steht ein Track, der in etwa das "The Message" für die britische Bassmusik war, als man sie noch Dubstep nannte, weil es sie schlicht noch gab. Ich war nicht dabei als der Punk aufkochte, der Techno erfnden wurde, als die Maschinen laufen lernten oder in diversen Höhlen Affen begannen mit Knochen auf Schädel zu schlagen um damit "Also sprach Zarathustra" zu spielen, ich habe es aber als irrsinnig aufregende Reise empfunden den Rise and Fall des letzten, tiefdröhnenden Knall in der Magengrube der britischen Elektronik-Geschichte zu begleiten und mich als Ohrenzeuge an einer Bewegung zu beteiligen, die mittlerweile viele Helden verlor, aber für vieles verantwortlich ist, wie die Musik auf der Insel heute tickt und wie breitgefächert sie sich mehr denn je aufstellt. Skream, als Teenager Mitbegründer des sich vornehmlich im Keller abgehaltenen Spektakels und sein Debütalbum in zwei Versionen war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und "Midnight Request Line" ist in der 12"-Version, sowieo im fantastischen Digital Mystikz-Remix ein Relikt einer tatsächlich längst beendeten Zeit. Der faxe hat den Dubstep-Beginners-Guide ja vor ca. 3 Jahren erhalten ( ) und natürlich keinen Tag später, deshalb weiß er, wie wichtig und wie groß das Ding ist, auch wenn ich persönlich zu "Blue Eyez" noch etwas motivierter die Magengrube schlottern lasse.
Der Remix, der auf der Tripple-Vinyl vom Album versteckt war
88 The Go! Team The Power Is On Thunder, Lightning, Strike 2004
Alternativlos, die Konsequenzen einer Begegnung mit "The Power Is On". Alles stehen und liegen lassen, sich auf die Anlage schmeißen und im Moment der ersten Euphorie den Menschen verdammen, der es für eine gute Idee hielt ihr eine Lautstärkebegrenzung zu verpassen, wer in der Nähe steht wird gepackt und auf die beliebig große, zur Tanzfläche umfunktionierte Quadratmeterzahl Freiraum gezerrt und für fast 200 Sekunden sind oben und unten Wörter ohne Bedeutung. Einpeitschende Cheerleadereske Chöre, marching-band-verwandte, hier etwas HipHop, da etwas Funk, ihr seht einen begeisterten Freeman, der das Album blind kaufte, nachdem er im Bloc-Party-Jahr 2005 auf einen merkwürdigen, instrumentalen "Positive Tension"-Remix von, natürlich, The Go! Team stieß. Diesen Song gibt es nur in laut und ich habe gerade große Lust mit euch allen in Hamburg dazu zu tanzen.
Cobra: Ich muss zugeben, dass das Go! Team seinerzeit weitgehend an mir vorbeigegangen ist. Zu Unrecht, wie sich immer wieder zeigt.
Freeman: Unbedingt, gerade dieses Album sollte bis darf jedes Regal mindestens einmal zieren (okay, einmal reicht, aber so ist's dramatischer), sollte Dir gefallen.
Von Krolock: Ich habe die CD bei mir im Regal stehen und kann mich gar nicht mehr daran erinnern
Freeman: Gestern im Rahmen des Threads wieder komplett gehört, es macht noch immer gigantischen Spaß, trau Dich!
Gut, verlassen wir die aufwühlenden Radaumänner Saul Williams, Skream und The Go! Team wieder und widmen uns einem für mich existienzellen Musikjahr; einem nahezu konkurrenzlosen, dem Jahr 2007 und einem seiner wichtigsten Helfer, der Klickklack-Parade, dem Minimal Techno. Nicht einem, aber insbesondere dem so stilsicheren, romantisch-melancholischem, in schwarze Anzüge gesteckten von DIAL, diesem ohnehin schon so oft von mir hier geherztem Sub von Kompakt, ansässig in Hamburg und seit über 10 Jahren verantwortlich für so großartige Insel-Alben wie Efdemins Debut, Panthas Zweitling, John Roberts erstem usw. Ich entdecke immer wieder, dass ich manche Genres in bestimmten Phasen meines Lebens als besonders stark empfinde, und gerade dieses monumentale DIAL-Jahr 2007 hat dafür gesorgt, dass von House aus bedingte Monotonie eine gewisse Dramatik oder Tiefe nicht auszuschließen braucht. Machen wir es kurz, Pantha du Prince kam nie wieder an diese Platte heran und schon gar nicht an "Saturn Strobe", das sich die ersten 3 Minuten aufbaut und sammelt, und dann in alle Richtungen loslässt. Ein Kopfhörer, der richtige Moment und ich stecke wieder sonstwo. Gestehe ich dem Mann mittlerweile eine nur bedingt sympathische Affektiert zu, ist das zwar schade, ändert aber natürlich nichts an der fantastischen Musik.
Hammertrack! Ich bin bei PdP erst mit "Black Noise" richtig eingestiegen, "This Bliss" habe ich dann aber nachgekauft. Hast du mir ja auch eindringlich empfohlen.
Ich sollte bis heute viele Platten in Berlin kaufen, aber Kommunicator war vor sieben Jahren die erste; ein Album, das ich im Jahr zuvor zum besten des Jahres erklärte, und zwar in den Momenten, in denen TV On The Radio, J Dilla oder Hot Chip gerade weghörten. Was hielt ich damals nicht schon alles für eine schwere Wahl, darüber können Damiano von Erckert und der Dunbar nur augenrollend den Schmunzler anschmeißen. Wie dem auch sei, Five Deez, für mich bekannt durch die ewig großartigen Kollaborationen mit Liebling Nujabes (der mindestens einmal und zwar sehr viel später die verdiente Würdigung in Form einer Top10-Platzierung erhalten wird), ist gerade dank dieser merkwürdigen und auf Albumlänge ziemlich einzigartigen und gekonnten Vermählung entspannter Beats elektronischen Ursprungs nebst aufgeritzten Songstrukturen eine Sonderheit im Rapzirkus, wobei Zirkus dem ganzen kaum gerecht wird, spielt der sich bekanntermaßen irgendwo da oben ab, während die fünf Deezer den Untergrund gepachtet haben. "Fugg That" war damals mein Einstieg in die Platte, nach dem ziemlich durchtriebenem Opener habe ich die ersten 20 Sekunden einfach nur aufgesaugt, noch heute gibt es dafür unerwartete Gänsehautpunkte, auch wenn das niemand verstehen muss, der Beat ist dann gewohnt sensationell. Schön, dass ich sie habe. Fetzt noch immer. "Fetzt", ha.
85 Ghostpoet Survive It Peanutbutter Blues & Melancholy Jam 2011
Was soll ich nur tun? Mike Skinner, einer der ganz großen meiner Musikgeschichte, der später natürlich noch großzügig gewürdigt werden wird, auch wenn ich kaum weiß mit welchen Songs, dankt als The Streets ab und ich bin mindestens traurig genug, um damit mehrere eigene Alben zu füllen, hinterlässt dieser ein Erbe, zu groß und zu unfair, um einen geeigneten Nachlassverwalter aufzutreiben.
Woher nun meine Dosis fein observierten Brit-Hop nehmen, wer kann mich mit Vortrag und Text auch nur annähernd so begeistern und mir Geschichten erzählen, die mir am liebsten auch eingefallen oder passiert wären? Natürlich sind diese Fußstapfen zu groß, warten musste ich aber dennoch nicht lange, ein smarter Hutträger erwischt mich mit seiner Ode über den Nemesis namens Kopfschmerzen im hochprozentigen, verhuschten "Cash And Carry Me Home" und spätestens als das Album mit dem vornehmen Titel "Peanutbutter Blues & Melancholy Jam" dann in meinem Plattenregal steht, ist ohnehin alles vorbei, kam "Survive It" in einem Moment, in dem ich den Song dringend gebraucht habe. Das lässt sich im Sektor herzlois als Durchhalteparole durchwinken, für mich aber ist dieser ruhig-ratschende, puckernde Song über Einsamkeit, verpasste Chancen, und die Hoffnung, dass es irgendwann irgendwo irgendetwas besseres gibt dann doch einige Nummern zu treffend, als dass ich ihn nicht immer wieder anwerfen würde. So you stop mind wandering and back to the present, It's a dinner for one with the dimmer lights on. And you're tryna get atmosphere Like she was here, but she's long gone. Like Rocky Balboa and Adrian. Teardrops while you sip on the Evian.
Life is a funny thing with the twists and turns And in the bad times it just breaks and burns. But as you get older you just live and learn And shrug your shoulders and be the bigger man.
Ach Mist. Ghostpoet hätte in meine Liste eigentlich auch gehört. Zwar ohne Anekdote, aber einfach so. Nun ja, wenigstens hier ist er mit einem seiner besten Songs vertreten. Mir wären zusätzlich zu den von dir genannten noch "Us Against Whatever Ever", "Finished I Ain't", "Meltdown", "Dial Tones" oder "Plastic Bag Brain" eingefallen. Aber ach, das passt schon so mit "Survive it".