Bin zwar noch immer sauer auf Precht, wegen des Unfugs, den er in seinem gemeinsamen Podcast mit Lanz über Coronamaßnahmen und vermeintlicher Impfrisiken, aber sein Gesprächsformat hat dennoch ein Niveau, das ich mir mehr als Regel als als Ausnahme wünschen würde. Hat mich dennoch Überwindung gekostet, diese Episode zu schauen, weil ausgerechnet Svenja Flaßpöhler zu Gast ist, die nicht nur in der #metoo-Debatte, sagen wir mal, sehr eigensinnige Ansichten vertrat, sondern zuletzt bei „Hart aber fair“ kompletten Bullshit verbreiten durfte, was, genau wie bei Precht, mittels eines Mindestmaßes an Recherche leicht vermeidbar gewesen wäre.
Nun gut, dieses Gespräch hält das übliche Niveau. Selbstverständlich muss man nicht alle Ansichten teilen (Flaßpöhler‘s Deutung des Wortes „Snowflake“ fand ich doch sehr eigenwillig), aber eine fortschreitende Sensibilisierung einer Gesellschaft vom Ende her zu denken, ist ein Gedanke, den ich so noch nicht hatte.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
in vielen punkten gebe ich den beiden tatsächlich auch recht. die replik der nicht gerade wokeness-verdächtigen faz hat aber auch ihre validen punkte (wobei es in dem artikel aber nicht ausschließlich um die sendung geht, sondern das übergeordnete phänomen).
Ja, so differenziert wird Precht in der FAZ selten besprochen, auch wenn ich seine inhaltliche Nähe zu den Querdenkern deutlich geringer einschätze als der Verfasser, bei aller Kritik, die ich augenblicklich an ihm habe.
Was mich in der Debatte umtreibt ist das Spannungsfeld zwischen einer Rücksichtnahme, die einzufordern ich voll und ganz unterstütze, und der Fähigkeit, Dinge auszuhalten, die dem eigenen Weltbild oder den eigenen Wertvorstellungen nicht entsprechen. Diese Fähigkeit sehe ich durchaus gefährdet, und zwar immer dort, wo eine bestimmte Sichtweise mit aller Gewalt durchgedrückt werden soll. Wenn ich Diversität einfordere, fordere ich damit auch die Vielfalt von Meinungen ein, und das inkludiert selbstverständlich auch die, die mir nicht gefallen.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Über diesen Chapelle-Beitrag auf Netflix wurde hier, glaub ich, auch schon einiges Mißfallen geäußert. Ich habe es nicht gesehen, will mich insofern nicht dazu äußern, nur so viel: Genauso wie bei Dieter Nuhr, Lisa Eckhart oder Ähnlichen bin ich nicht verlegen, deren Comedy zu kritisieren, jedoch würde ich nie fordern, dass deren Programme nicht mehr gesendet und deren Auftritte alle abgesagt würden. Das habe ich noch nicht einmal bei dem unfreiwilligen Clown Sarrazin getan. Deren Recht sich zu äußern, ist für mich ebenso wichtig wie mein eigenes. Ich habe volles Vertrauen in meine Argumente und die meiner Gleich- oder Ähnlichgesinnten. Ich brauche daher keine Meinungs-Verbote.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Zitat von Lumich im Beitrag #93Was mich in der Debatte umtreibt ist das Spannungsfeld zwischen einer Rücksichtnahme, die einzufordern ich voll und ganz unterstütze, und der Fähigkeit, Dinge auszuhalten, die dem eigenen Weltbild oder den eigenen Wertvorstellungen nicht entsprechen. Diese Fähigkeit sehe ich durchaus gefährdet, und zwar immer dort, wo eine bestimmte Sichtweise mit aller Gewalt durchgedrückt werden soll. Wenn ich Diversität einfordere, fordere ich damit auch die Vielfalt von Meinungen ein, und das inkludiert selbstverständlich auch die, die mir nicht gefallen.
Das sehe ich sehr ähnlich. Was ich persönlich unheimlich frustrierend finde: Da ist man mit anderen Leuten zu 80-90% gleicher Meinung, aber alles unterhalb 100% wird heutzutage nicht mehr akzeptiert. Da vergeht einem wirklich die Lust, sich überhaupt noch zu äußern.
ZitatAm "Philosophischen Stammtisch" diskutieren Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler, Autorin des soeben erschienenen Buches "Sensibel", und dem Philosophen Dominique Künzle, der sich unter anderem als Feminist bezeichnet. Menschen sind verletzliche Wesen. Für diese Verletzlichkeit sensibel zu werden, ist deshalb sicherlich ein moralischer Fortschritt. Die Me-Too- und Black-Lives-Matter-Bewegungen gingen in den letzten Jahren mit einem weiteren Sensibilitätsschub einher. Seither herrscht Verunsicherung. Ist die Frage "Wo kommst du her?" kruder Rassismus oder nur eine harmlose Erkundigung? Wo fängt Sexismus an: Erst beim Griff an den Hintern, oder bereits beim Gebrauch des generischen Maskulinums?
Klar ist: Die Grenzen des Zumutbaren werden gerade neu vermessen. Nicht allen will das einleuchten, einige fühlen sich gegängelt. Für sie mangelt es gegenwärtig in erster Linie an Resilienz und Widerstandskraft. Hatte Nietzsche nicht recht, als er schrieb: "Was mich nicht umbringt, macht mich stärker!" Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Setzen wir mit diesem Imperativ nicht unsere Verletzlichkeit und letztlich Menschlichkeit aufs Spiel?
Sonntag, 12.12.21, 3Sat.
Vielleicht wird das aktuelle Buch von Svenja Flaßpöhler hier etwas kritischer diskutiert als bei Precht. Bin gespannt.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Es wirkt paradox: Ringsum fällt die Welt in Stücke. Ein brutaler Krieg konfrontiert uns täglich mit neuem Leid. Gleichzeitig aber boomt im Kulturbereich eine neue Sensibilität: Triggerwarnungen, wo man nur hinschaut
Der Trend, potenziell Anstößiges zu brandmarken, stammt aus den USA. Schon 2014 forderten dort Studierende ihre Lehrkräfte auf, Triggerwarnungen verpflichtend einzuführen, wenn Inhalte "den Ausbruch von Symptomen einer posttraumatischen Stressstörung auslösen können". Ihr Wunsch wurde erhört. So wird jetzt in Seminaren vor der Lektüre der "Metamorphosen" des römischen Dichters Ovid auf die sexuellen Inhalte verwiesen, ebenso auf das problematische Frauenbild in F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" oder den rassistisch geprägten Alltag in "Die Abenteuer des Huckleberry Finn".
Sind Triggerwarnungen das Ende der Kunstfreiheit?
Auch in Europa stellen Verlage zunehmend sogenannte "Sensitivity Reader" ein, die Manuskripte vor der Veröffentlichung auf diskriminierende und problematische Inhalte durchforsten. Selbst "Peter Pan" und "Romeo und Julia" bekommen Warnhinweise. Ist da eine Sitten- und Sprachpolizei am Werk?
"Alles anstößige soll gebrandmarkt und getilgt werden", fürchtet der Leiter des Hamburger Literaturhaus, Rainer Moritz, und sieht in Triggerwarnungen die "Totengräber der Kunstfreiheit". Auch die Philosophin Svenja Flaßpöhler beklagt eine Überempfindlichkeit, welche die politische Debatte erschwere, da dadurch die Bereitschaft schwinde, Widersprüche und Ambivalenzen auszuhalten.
Die Liedermacherin Sarah Lesch dagegen hat ihr neues Album gleich "Triggerwarnungen" genannt. Sie verarbeitet darin verschiedenste Formen der Gewalt und möchte Menschen die traumatische Erfahrungen erlebt haben, die Chance geben, selbst "zu entscheiden, ob sie in die Situation reingehen oder nicht". Die Politologin und Autorin Emilia Roig meint darüber hinaus, es gehe nicht nur darum, die Reaktivierung persönlicher Traumata zu vermeiden, sondern um die Systematik an sich. Manche Inhalte hätten allein sprachlich zur Entmenschlichung beigetragen: "Das heißt, wenn das N-Wort überall genutzt wird oder bestimmte Darstellungen von Schwarzen Menschen immer wieder benutzt wurden, dann hat es eben zu der kollektiven Konstruktion von Schwarzen Menschen als unterlegen geführt." Der Film lässt "zum Welttag des Buches" am 23.4. Befürwortende und Kritiker*innen der neuen Sensibilität im Kunstbereich zu Wort kommen und zeigt, wie die Grenzen zwischen Zumutung und Aushaltbarkeit mit Verve neu definiert werden. Und das verändert jetzt schon die Art und Weise, wie wir schreiben und lesen.
Ein sehr interessanter Beitrag, wie ich finde. Natürlich darf auch dieses Mal Svenja Flaßpöhler ihre etwas angeschrägten Ansichten zum Besten geben.
Interessant finde ich, wie einige Argumentieren, durch Triggerwarnungen würden Menschen in Watte gepackt, so also ihrer Eigenständigkeit beraubt, was allerdings schon von vornherein einen Mangel an Eigenständigkeit impliziert. Wer sagt denn, dass ein Warnschild grundsätzlich Menschen von etwas abhält. Es ist doch lediglich ein Hinweis, was auf jemanden zukommen kann. Dass auch eine Triggerwarnung die/ den Einzelne/n nicht aus der Verantwortung entlässt, wie mit dieser umzugehen ist, sollte doch eigentlich selbsterklärend sein. Und wenn sich jemand dafür entscheidet, sich grundsätzlich nichts aussetzen zu wollen, was sie oder ihn in Beunruhigung versetzen könnte, dann ist das eine extreme Entscheidung, die man getrost kritisieren darf (legitim bleibt sie deshalb trotzdem). Jedoch daraus eine Begründung abzuleiten, auf eine Maßnahme zu verzichten, die der Rücksichtnahme gegenüber Schwächeren dient, das kann ich nicht nachvollziehen.
Letztendlich der größte Knaller für mich war der Psychologe, der gegen Ende des Beitrags kommt: Wie man so viel Einfältigkeit über ein langes und komplexes Studium plus langjähriger Erfahrung hindurch erhalten kann, versetzt mich doch in Staunen. Sein Argument ist, dass Triggerwarnungen schädlich wären, weil diese bereits triggern würden. Na, wunderbar. Also lieber unvorbereitet in die Situation schlittern lassen. Und ab morgen entfernen wir die Schranken und Andreaskreuze an Bahnübergängen, damit Leute keine Ängste vor Zügen entwickeln, selbst wenn sie schlechte Erfahrungen mit solchen gehabt haben. Seine Herleitung, aus seiner Beschäftigung mit Kriegstraumatisierten heraus, zeigte überdies, dass er den Unterschied zwischen „Warnungen“ und „Triggerwarnungen“ nicht ganz verstanden hat, aber vielleicht stellt der Beitrag seine Thesen verkürzt oder verfälscht dar, ich weiß es nicht.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Wenn ein Autor oder ein Verlag Triggerwarnungen platzieren möchten, sollten sie das tun dürfen. Allerdings nicht müssen, das würde ich schon arg übertrieben finden. Die Triggerwarnungen sollten auch so platziert werden, dass sie nicht sofort ins Auge fallen, das hätte sonst ja auch Spoiler-Charakter. Manche Leser möchten ja vielleicht auch überrascht werden.
Man kann die Warnungen sicher auch so formulieren, dass nicht gespoilert wird.
http://www.last.fm/de/user/DerWaechter ehemaliger Influencer * Downtown * Radebrecht * "Die einzige Bevölkerungsgruppe, die man risikolos beleidigen kann, sind die Dummen. Da fühlt sich nie einer angegriffen." (Ronja von Rönne) “The sex and drugs have gone and now it’s just the rock ‘n’ roll” (Shaun Ryder)
Ich finde, man sollte es damit nicht übertreiben (es ist zB ein bisschen albern wenn bei Amazon Prime ALLES aufgelistet wird, was in einem Film verwerfliches gezeigt wird). Aber wenn bestimmte Dinge gezeigt oder besprochen werden, finde ich es z.T. schon ganz angenehm, wenn ich das vorher weiß, dann kann ich mich darauf einstellen. Ich kann mir Traumata vorstellen, die ich zum Glück nicht habe, die es manchen Menschen sehr schwer machen, irgendwelche Kultur zu konsumieren, weil alles voll ist mit sexualisierter Gewalt z.B. Da finde icg solche Warnungen einfach ganz freundlich.
Zitat von beth im Beitrag #101ich halte die psychische unversehrtheit von menschen für wichtiger als nicht gespoilert werden.
Nun ja, wer Triggerwarnungen braucht, ist psychisch nicht unversehrt, der hat da ohnehin schon ein Problem. Wie gesagt, wenn jemand meint, damit was Gutes zu tun, soll er es halt machen. Es soll nur bloß keinen Rechtsanspruch darauf geben, sonst kommen gleich wieder die Abmahnvereine auf den Plan. Bei den meisten Büchern oder Filmen sollte ja allein schon vom Thema her klar sein, wenn das nichts für zarte Gemüter ist. Bei ältern Filmen oder antiquarischen Büchern ist es ohnehin utopisch, nachträglich irgendwelche Warnungen einzufügen.