Ich kann die Wurzel der Diskussion schon nachvollziehen. Ursprünglich ging es dabei ja mal um etwas sehr vernünftiges. Dass man darüber sprechen sollte, dass zum Beispiel Federschmuck im Stile amerikanischer indigener Kulturen auf Musikfestivals keine unproblematische Sache ist, finde ich schon auch. Es ist aber immer eine Frage der Tonalität der Aneignung und der - sagen wir mal „Heiligkeit“ der übernommenen Sache. Ich beobachte aber schon lange mit Unbehagen, wie häufig die Diskussion besonders in nordamerikanischen Internetdiskussionen in eine sehr radikale, essenzialistische Ecke abrutscht. Das ist dann oft leider fast genauso ignorant, wie einzufordern, dass sich niemand über irgendwas ärgern darf, weil Aneignung ja immer auch eine Art Kompliment sei.
Es geht nicht ums Kompliment, sondern darum, dass jede Kultur ja vom Zusammenleben in einer Gesellschaft und vom gegenseitigen Austausch lebt. Das bedeutet dann irgendwann auch: lebe ich eine Kultur, dann muss ich damit rechnen, dass eine andere Person, die mit meiner Kultur vielleicht so gar nix am Hut hat, sich die oberflächlichen Teile davon rasch aneignen könnte. Niemand hat alleinigen Anspruch auf eine Kultur, auch ich nicht, wenn ich einen für mich heiligen Kopfschmuck aus Knoppers und Osterküken mit mir herumtrage und das mein Opa und dessen Opa auch schon getan haben. Das darf ich weiterhin tun, ich darf es und kann es hingegen nicht allen anderen verbieten. Selbst wenn diese die Heiligkeit nicht kapieren, sondern nur den Knoppers geil finden.
Der Argumentation vorausgesetzt ist natürlich eine freiheitlich-demokratische Grundhaltung und das Gleichheitsprinzip.
Just a MF from hell.
Rotation:
Cindy Lee - Diamond Jubilee | Being Dead - Eels | Shellac - To All Trains
Verbieten kann und sollte man es natürlich nicht. Ich finde aber schon, dass man sich fragen sollte, wer was in welchem Kontext verwendet und ob man das dann gut findet. Nur weil dir das Kopieren eines Knopperskopfschmucks (toller Witz übrigens - aber geschenkt) erlaubt ist, macht es das nicht zwingend zu einer guten Sache, die nicht kritikwürdig ist, wenn du ganz genau weißt, dass dein Knopperskopfschmuck für eine gebeutelte Minderheit identitätsstiftend und von großer kultureller Bedeutung ist. Es kommt eben immer auch darauf an, wer was zu welchem Zweck für sich in Anspruch nimmt. Und die freiheitlich-demokratische Grundhaltung sollte auch gebieten, dass man sich als Vertreter einer Minderheit, deren Identitätsstiftende Merkmale für einen schnellen Fashion-Moment verwendet werden, offen darüber ärgern darf. Weniger Demokratie und Freiheit als ein die Empathie sollte dann gebieten, dass man mindestens mal drüber nachdenkt, ob da vielleicht was dran ist. Man muss sein Verhalten dann deshalb nicht ändern, aber das Thema grundsätzlich abzutun weil halt jeder das Recht habe, Osterküken auf dem Kopf zu tragen, halte ich auch nicht für den richtigen Weg.
Empathie ist wünschenswert, aber nicht einforderbar. Genau an dem Punkt endet für mich einfach jede Diskussion darüber, ganz gleich wie kritikwürdig das ist oder nicht. Gedankenlosen Trotteln muss man ihre gedankenlose Trotteligkeit im Rahmen der demokratischen Grundwerte leider zugestehen. Oder die Mehrheit macht den Laden eben zu, und etwas anderes auf, oder der einzelne verschwindet im Wald (bzw in der angesprochenen Höhle), wenn er die Schnauze voll hat.
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Verbieten kann nur der Gesetzgeber per Gesetz. Und ich glaube nicht, dass Deutschland oder die USA ein Gesetz gegen Kulturelle Aneignung verabschieden werden.
"Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug." Stefan Zweig
Enpathie kann man schon auch lernen und üben, dazu muss man aber erst mal realisieren, dass man nicht enpathisch ist. Und dazu braucht es Menschen, die auf diesen Mangel an Empathie hinweisen.
"Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug." Stefan Zweig
der duden erlaubt ja alles, was nur genug leute eine zeit lang nachplappern. punkt 2) basiert dennoch auf einem übersetzungsfehler, und droht, unter inkaufnahme von missverständnissen (hatte ich gerade gestern) sämtliche schönen wörter plattzumachen, die im deutschen für einsehen, feststellen, sich klarmachen, bemerken, verstehen etc noch existieren.
(ist im übrigen zwar OT, aber nicht ganz, weil ich finde, dass dem ein ähnlicher mechanismus zugrundeliegt wie dem thema des threads. auch im umgang damit gilt ähnliches: man muss dialektisch damit leben lernen, sollte es aber solange bekämpfen, bis man einsehen (sic!) muss, dass man verloren hat.)
Zitat von tenno im Beitrag #42... basiert dennoch auf einem übersetzungsfehler, ...
auf was für einem übersetzungsfehler?
"Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt – man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug." Stefan Zweig
den "to realize" nicht als "erkennen, begreifen, etc." zu übersetzen sondern als "realisieren", welches früher nur die bedeutung "verwirklichen, in die tat umsetzen, etc." hatte.
ich schwanke bei diesen umdeutungen immer zwischen sympathie für plastizität und wandlungsfähigkeit von sprache und der abneigung gegen die gewöhnung an fehler und missverständnisse. bisher tendiere ich eher zu ersterer, sollte sich das aber in zukunft dadurch häufen, weil viele der deutschen rechtschreibung/grammatik nicht mächtig sind und sich das via massivem gebrauch in facebook, twitter und kommentaren durchsetzt, dann fürchte ich, muss ich doch noch zum grammar nazi werden.