da muss ich mal die deutsch-türkischen nachrichten loben. ich erwähnte es ja bereits zuvor, dass mir schon bei der extra3-satire auffiel, wieviele politiker und gremien sich darüber empörten, dass der deutsche botschafter einbestellt wurde. selbst wenn erdogan auf dem rücken des botschafters zur arbeit reiten würde, wäre das mit abstand nicht so dramatisch, wie das, was durch ihn in der türkei (und nicht nur da) passiert.
und quork: ein letztes mal will ich es noch versuchen, dann hör ich auch auf. die gesamte beschimpfungstirade war nicht legitim. weder solche, die als rassistisch eingestuft werden (homophobe beleidigungen gab es auch - komisch, dass sich da keiner aufregt), noch die, die einfach anderweitig unter die gürtellinie gingen. aber genau darum ging es. sich eine art der beschimpfung herauszusuchen, die einem mehr oder weniger passt, geht am sinn vorbei - sie sind alle nicht in ordnung, und das soll auch so sein.
derweil bin ich gespannt, welche folgen das für böhmermann haben wird. viele freunde wird er sich beim zdf damit nicht gemacht haben. insofern glaube ich da auch nicht an interne absprachen. vor gericht wird das ganze mit sicherheit auch landen. so weit muss ich selbst dem faz-ke recht geben. das zeigt für mich aber auch, dass böhmermann die sache wichtig war. so viel intelligenz darf man ihm ruhig zutrauen, dass er sich nicht, aus einem impuls heraus, so weit aus dem fenster lehnt.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Zitat von akri im Beitrag #59"In hunderten von Telefonaten, die ich heute erhalten habe, haben sowohl türkisch- als auch deutschstämmige Bürger und Bürgerinnen ihre verletzten Gefühle zum Ausdruck gebracht und ihre Meinung geäußert, dass Herr Böhmermanns Video an das Rassistische grenzt". „Diese Sache hat nichts mit Presse- oder Meinungsfreiheit zu tun, sondern befindet sich im Abgrund der Widerwärtigkeit und geht sogar über die Grenzen des Rassismus. Das ist keine Frage der Toleranz oder der Kritik. Hier wird auf dies gesamte türkische Bevölkerung abgezielt. Niemand soll hier auftreten und sagen, dass ein Politiker und nicht ein ganzes Volk im Visier ist. Das stimmt einfach nicht. Könnte man dasselbe mit einem Israeli machen? Unmöglich“. Hüseyin Avni Karslioğlu, türkischer Botschafter in Berlin
Schon dafür hat sich's doch gelohnt: Der türkische Botschafter mit dem Juden-Zaunpfahl (denn er sagt zwar brav "Israeli", aber damit sind doch sicher keine israelischen Palästinenser gemeint). Alle reagieren mit genau den vorher schon fertigen, jedem längst bekannten und deshalb überflüssigen Statements, die man erwarten durfte. Eine Runde im Empörungskarussell, bitte.
"Auf deinem Shirt steh‘n die Dinge, Die du gerne wärst, nicht die du bist, Was im Grunde völlig in Ordnung ist. Nur: Wir können alle lesen Und du bist nie ein Dreckstück gewesen."
Dass der Botschafter es in den Kontext der Meinungsfreiheit rückt, zeigt eigentlich schon wieder das Missversändnis. Böhmermann hat das Gedicht ja eben gerade nicht als seine Meinung geäußert. Er hat das explizit gemacht und gerade die Maßlosigkeit der enthaltenen Beleidigungen ist unter anderem ein Anzeichen dafür, dass das natürlich nicht seine Meinung sein kann. Der Punkt war ja außerdem, Erdogan zu zeigen, dass er sich bei Satire nicht so anstellen soll, weil es eben auch noch schlimmeres als Satire gibt, das eben auch in Deutschland verboten ist. Es würde mich übrigens sehr wundern, wenn man Böhmermann dafür juristisch belangen könnte. Riskiert hätte ich das an seiner Stelle zwar nicht, aber mit seinen Meta-Kommentaren hat er sich eigentlich ganz gut abgesichert.
Ich kann übrigens trotzdem verstehen, wenn Leute sich davon verletzt fühlen. Der jetzt.de-Autor klingt recht frustriert und hat vermutlich relativ häufig seine Portion Alltagsrassismus abbekommen.
Zitat von Lumich im Beitrag #61und quork: ein letztes mal will ich es noch versuchen, dann hör ich auch auf. die gesamte beschimpfungstirade war nicht legitim. weder solche, die als rassistisch eingestuft werden (homophobe beleidigungen gab es auch - komisch, dass sich da keiner aufregt), noch die, die einfach anderweitig unter die gürtellinie gingen. aber genau darum ging es. sich eine art der beschimpfung herauszusuchen, die einem mehr oder weniger passt, geht am sinn vorbei - sie sind alle nicht in ordnung, und das soll auch so sein.
Keine Sorge, das hatte ich schon verstanden. Ich bin nur anderer Meinung, was das Aussuchen von Beleidigungen und die Berechtigung des Ärgers von eigentlich nicht adressierten türkischstämmigen Mitbürgern angeht. Aber lassen wir das. Ich denke, wir haben einander verstanden.
Auch abgesehen von der Rassismus-Ebene finde ich den ganzen Aufriss halt ein bisschen schal (weil auf jemand anderes erfolgreichen Gag aufspringend) und unwichtig (als ob es die Erdogan-Regierung wirklich kümmert, wo in Deutschland die legale Grenze verläuft – oder den durchschnittlichen ZDF-Zuschauer).
(Und außerdem auch ziemlich arrogant: Da will ein deutscher Fernsehcomedian dem türkischen Staatspräsidenten allen Ernstes "zeigen", wo in Deutschland die Grenzen zwischen Satire und "Schmähkritik" verlaufen. Bin ich der Einzige, der darin auch eine Böhmermann'sche Hybris sieht?)
“Troubled times, kids, we got no time for comedy.” (Phife Dawg)
Eine gelungene Satire, keine auf Erdogan, sondern auf unsere weltbekannte Überheblichkeit, mit der wir anderen beständig meinen erklären zu müssen, wie irrsinnig weit die Meinungsfreiheit zu reichen hat – während wir selbst mit unzulänglichen und missbrauchsanfälligen Formeln wie der „Schmähkritik“ hantieren. (Der Tagesspiegel)
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
mich widert böhmermanns art einfach nur an. dieses aalglatte setzen zwischen alle stühle. immer in der metaebene provozierend unangreifbar bleiben. diese koketterie von wegen losershow, die ja eh niemanden interessiert. das ist alles so mies kalkuliert. klug wie kalt. und obendrauf das ätzend gackernde publikum und böhmermanns achso erstaunte reaktion darauf. ich hasse das so sehr. es ist der bodensatz der überheblichen spießigkeit. zeitgeist galore. böhmermann, afd, annenmaykantereit. immer schön selbst befeuern. ich widere mich an, dass ich angewidert überhaupt etwas dazu schreibe. scheiße!
Zitat von Quork im Beitrag #69Was "Be Deutsch" eigentlich sein soll, habe ich noch nicht verstanden. Vielleicht kann mir jemand den Hintergrund dieses Videos erklären.
„BE DEUTSCH“ … ist ein Video mit einem Lied auf Englisch, damit man wohl auch im Ausland endlich einmal erfährt, wie Moralapostel Böhmermännchen unser aller Deutschsein gern gesehen haben will…
Da zeigt man AFD-Wähler und Frauke Petry als „You are not the people, you are the past". Und die „true Germans", ja, die sind natürlich „nice, liberal, compassionate, considerate, reasonable, social, open, multi-cultural".
Böhmermann verweist ganz weltherrschaftlich zu den Bildern von Trump, Orban, Erdoğan und Putin („You call for strong leaders, fences and walls") darauf, dass es anders geht: „But being like us takes bigger balls." Die Böhmermannsche Message an die Welt ist also: wenn ihr so wie wir Deutsche wärt, würdet ihr auch nicht ständig solche Typen an die Macht bringen.“
Denn wir hier hatten ja den Holocaust! „Trust our Teutonic expertise, we know where assholery leads"… „We've learned our lesson, take our advice, hold together, try to be nice and ... DEUTSCH!" … „Say it clear, say it loud, we are proud of not being proud"… da schimmert doch Hermann Lübbe durch („Den Holocaust soll uns erst einmal einer nachmachen! Seine Bewältigung auch!").
Der Stolz auf Deutschland also, weil wir unsere Lektion ja alle so wahnsinnig gut gelernt haben. Weil wir nun allen in der Welt erklären können, dass sie sich - nicht nur hinsichtlich ihrer Führer - ruhig ein Beispiel an uns nehmen könnten.
Böhmermann findet das alles sicher wahnsinnig ironisch und komplett satirisch. Leider zündet diese Ironie aber nicht da, wo sie zünden sollte. Das Video scheint den Deutschen und der Welt einzureden, was den „echten Deutschen" ausmacht.
So schreibt man etwa bei bento: „Jan Böhmermanns neues Video "Be Deutsch" zeigt, wie Deutsche wirklich sind. Das Video propagiert das gute Deutschland, die toleranten, die mitfühlenden Menschen, die aus der Nazi-Zeit gelernt haben... Ausgerechnet Deutschland stellt sich jetzt den Trumps und Wilders und LePens dieser Welt entgegen. Weil das ehemalige Nazi-Land aus seiner Geschichte gelernt hat."
Dümmer kann Satire kaum enden… statt das Zielobjekt satirisch zu treffen und so zu schwächen, stärkt man es auch noch… ein „we are proud of not being proud“ wirkt angesichts von jüngst teils über 20 % AFD-Wählern eher ironisch… auf irgendeiner Metaebene des Böhmermannschen Kosmos kann sich aber sicher jeder von uns bei "Be Deutsch" etwas aussuchen… jeder.
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
ich will "be deutsch" nicht verteidigen, aber an einer bento-rezension würde ich die qualität nicht festmachen. und auch die hater dürfen sich selbst mal fragen, wer sonst mit einer sendung im digitalspartenprogramm solche debatten auslösen kann.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.