Ich fand das bis vor kurzem sehr schlau. Diese unverblümten Worte hatten für mich eine Weile etwas sehr menschlich nahbares, es verdeutlichte die Brisanz der Lage, die Verzweiflung der Ukraine und die Doppelbödigkeit des deutschen politischen Diskurses. Es sorgte vor allem auch einfach für Gehör. So langsam geht‘s mir aber wie euch und es kommt mir kontraproduktiv vor.
“Langgehegter Groll“ als Grundlage für die Pflege diplomatischer Beziehungen halte ich für wenig zielführend und ehrlich gesagt auch nicht verständlich.
Ich hätte es für eine politische Taktik gehalten, um die deutsche Öffentlichkeit in ihrer Solidarität und ihrer fordernden Haltung nach mehr Hilfen anzustacheln. Das hat zumindest auf mich eine Weile erfolgreich gewirkt: Ich dachte mir, endlich spricht da mal wer Klartext angesichts der zögerlichen deutschen Haltung. Das mit Scholz jetzt ist auf allen Ebenen albern. Ich verstehe nicht, warum er nicht hinreist, wenn das von der Ukraine gewünscht wäre (auch wenn die Person Steinmeier ausgeladen wurde, was ich ebenfalls merkwürdig finde). Ich verstehe aber auch nicht, warum man um diesen Besuch so ein Gewese macht. Da war doch inzwischen alles, was Rang und Namen hat, zu Besuch. Und nichts ändert sich.
Zitat von gnathonemus im Beitrag #618“Langgehegter Groll“ als Grundlage für die Pflege diplomatischer Beziehungen halte ich für wenig zielführend und ehrlich gesagt auch nicht verständlich.
billige russische Energie war Deutschland lange Zeit wichtiger als die Beziehungen zur Ukraine, ich denke, dies bringt Melnyk nun unangenehm zum Ausdruck. Money First.
Zitat von gnathonemus im Beitrag #618“Langgehegter Groll“ als Grundlage für die Pflege diplomatischer Beziehungen halte ich für wenig zielführend und ehrlich gesagt auch nicht verständlich.
billige russische Energie war Deutschland lange Zeit wichtiger als die Beziehungen zur Ukraine, ich denke, dies bringt Melnyk nun unangenehm zum Ausdruck. Money First.
Das ist aber weder neu noch ist es verwerflich. Es war lange Zeit Konsens, Russland durch Handelsbeziehungen in den Westen einzubinden, und Russland galt ja auch als verlässlicher Handelspartner. Und die Ukraine hat durch die Gasdurchleitungsgebühren auch ordentlich mitverdient. Russische Aggression war weit weg, auch die Krim-Annexion war eher weniger interessant. Schließlich war / ist die Ukraine weder NATO- noch EU-Mitglied, letztendlich also ein Drittland wie jedes andere. Von daher war die billige Energieversorgung auch durchaus zurecht wichtiger als die Beziehungen zur Ukraine. Und wie gesagt, das war Konsens, in Deutschland quer durch die Parteien und die Gesellschaft. Dass das einen Ukrainer wie Melnyk verbittert, kann ich schon nachvollziehen, aber er hat als Botschafter einen verantwortungsvollen Posten. Da muss er sich dann auch professionell verhalten oder halt seinen Posten räumen. Wenn er erst den Bundespräsidenten und dann den Bundeskanzler beleidigt, macht er sich nur zur Persona non grata.
ich möchte Melnyk nicht verteidigen, und mir gefällt seine Art auch nicht (mehr), Quork hat diesen Verlauf ja gut beschrieben, mir geht es da ähnlich, aber Melnyk scheint für seine konfrontative, vorwürfliche und undiplomatische Strategie das Ok von Kiew zu haben, ansonsten wäre er doch längst sonstwo.
ZitatVielmehr könne am Ende nur ein Kompromiss stehen, den beide Länder akzeptieren könnten: „Es muss Russland und der Ukraine das Gefühl vermittelt werden, dass beide Player als Sieger aus dem Krieg hervorgehen.“
quelle: tagesspiegel
hahaha, den kompromiss möchte ich sehen, herr wissenschaftskasper.
Die Stärken von Yogeshwar liegen sicherlich woanders. Allerdings, wenn man sich die argumentative Gegenseite anschaut, wird es nicht weniger schwammig und nicht zu Ende gedacht. Wenn davon gesprochen wird, dass die Ukraine den Krieg unbedingt gewinnen muss, dann bleibt die Frage unbeantwortet, wie so ein Sieg genau aussehen soll, bzw. wie ein Frieden danach aussehen kann.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
und deshalb dann die konsequenz daraus ziehen, putin sein ding durchziehen zu lassen? denn darauf würde es doch zwangsläufig hinauslaufen. und bitte: den ukrainern aufs butterbrot zu schmieren, sich doch besser zu ergeben, damit hinterher alles wieder friedlich und blümchentapete ist, ist ja wohl der gipfel des zynismus und sagt sich besonders leicht aus dem gemütlichen sessel des intellektuellen oder von der kabarettbühne herab.
so einer wie polt sollte sich mal fragen, wo er in einer ukraine unter putins einfluss landen würde. es gibt 3 möglichkeiten: auf der flucht in den westen, mundtot im hausarrest/knast oder vielleicht auch direkt unterhalb der grasnarbe.
Dass ich dem offenen Brief in seiner Konsequenz nicht zustimme, habe ich bereits mehrmals erklärt, insofern rennst du offene Türen ein. Wofür ich plädiere ist eine offenere Debatte. Was ich bisher erlebe ist, dass in der Aufregung über naiv pazifistische Positionen an den eigenen blinden Flecken nicht gearbeitet wird. Auch wenn diesmal keine Truppen entsandt werden, involvieren wir uns erneut in einer militärischen Aktion, wo niemand weiß und keine Vorstellung, geschweige denn ein Plan besteht, wie wir aus dieser wieder herauskommen. Eine besondere Gefahr sehe ich in einer Eskalationsdynamik, die sich zunehmend schwerer aufhalten und zurückdrehen lässt.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Mir geht es ähnlich wie Lumich, man kann an dem offenen Brief viel kritisieren, ich finde aber, nicht alles daran ist grundfalsch, und die Absolutheit, mit der die Verfasser:innen zum Teil verteufelt werden, macht mir Bauchschmerzen ob der Debattenkultur in Deutschland.
ich bin weit davon entfernt, die debatte bzw. die verfasser* und unterzeichner*innen verteufeln zu wollen, so was wie lobo mit seinem gerede vom "lumpenpazifismus" würde mir nie einfallen, aber mich erschreckt doch die naivität von gewissen leuten, die ich für weitaus klüger gehalten habe.
Zitat von Lumich im Beitrag #627Auch wenn diesmal keine Truppen entsandt werden, involvieren wir uns erneut in einer militärischen Aktion, wo niemand weiß und keine Vorstellung, geschweige denn ein Plan besteht, wie wir aus dieser wieder herauskommen. Eine besondere Gefahr sehe ich in einer Eskalationsdynamik, die sich zunehmend schwerer aufhalten und zurückdrehen lässt.
also, äh, waffenlieferungen sind doch keine militärischen aktionen.
und natürlich weiß keiner, wie das endet, aber was wir wissen ist, wie das endet, wenn wir keine liefern. das ist für mich der springende punkt.