Ich habe mich ja lange rausgehalten, aber langsam juckt es wieder.
Zitat von Nilslofgren im Beitrag #299 Es ist doch total irre, was du beim Rezipienten voraussetzt, um das Schmähgedicht zu "verstehen." Da impliziert eine halbe Doktorarbeit: erst muss man den gesamten Kontext parat haben, dann die Vorgeschichte, dann muss man eine Distanzierung erkennen können und dieselbe auch selbst vornehmen und schließlich, Psychologen die alle sind, auch noch Böhmermanns Psyche und Absichten kennen, um das alles richtig einzuordnen.
Jetzt mal ganz ohne Doktorarbeit und Psychologie-Diplom: Dachtest du ernsthaft, dass Böhmermann davon überzeugt ist, dass Erdogan den im Gedicht angesprochenen sexuellen Praktiken nachgeht? Also so richtig im Sinne von: Böhmermann denkt, dass das Beschriebene wirklich der Fall ist?
Also, für mich steht auch fest, dass Böhmermann nicht im Kern einzig und allein schmähen wollte. Dann hätte er das Gedicht ja auch kommentarlos direkt an Erdogan senden können. Es bleibt aber dennoch festzuhalten, dass Böhmermann das Gedicht nun einmal vorgetragen hat, obwohl ihm ja selbst bewusst war, damit etwas zu tun, was in Deutschland so gar nicht erlaubt ist.
Wenn man aber etwas macht, was nicht erlaubt ist, dann kann man auch dafür bestraft werden. Wie ich schon sagte, sehe ich da strafrechtlich nur wenig auf Böhmermann zukommen, da er alles in einer Sendung als Satiriker und eingebettet in den Meinungsfreiheits-Kontext geäußert hat. Für eine nicht zulässige persönliche Beleidigung halte ich das Gedicht dennoch und ich möchte auch nicht, dass Satire in Deutschland künftig mit solchen Inhalten, Beleidigungen und dem Herabsetzen der Würde arbeitet. Von daher sehe ich es so kommen, dass Böhmermann allenfalls zivilrechtlich zu einer Geldstrafe verdonnert wird, vermutlich für einen wohltätigen Zweck.
Das kann er aber ganz locker wegstecken, da jede PR-Kampagne zur öffentlichkeitswirksamen Verbreitung seines Namens doch wohl wesentlich teurer gekommen wäre. Halt Publicity auf Kosten anderer; da wo andere bei einer abendlichen Satire-Sendung mal kurz schmunzeln, muss es bei Böhmermann eben gleich eine halbe Staatsaffäre sein. Sicher hofft er schon, demnächst noch in Handschellen aus einer laufenden Sendung abgeführt zu werden, wenn es mit der Quote mal nicht so läuft. Aber die ist ja wohl einstweilen mal gesichert. Dumm nur, dass er den nächsten Türkei-Urlaub mal besser bleiben lassen sollte. Man kann halt nicht alles haben…
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
Unabhängig davon bleibt für mich die Tatsache, dass es unendlich viele Beleidigungen unter der Gürtellinie gibt, die man für eine solche Nummer hätte benutzen können. Dass Böhmermann in der Sache so viele gängige Türkenklischees benutzt hat, damit eine neue Front aufmacht und im Vorbeigehen viele Menschen, die sein Austeilen nicht verdient haben, beleidigt, finde ich nach wie vor blöd und am Ziel der Nummer vorbei. Natürlich hat Böhmermann dabei die größtmögliche Provokation im Blick gehabt – denn das ist ja schließlich Kernstück der ganzen Geschichte. Dass zu größtmöglicher Provokation aber rassistische Töne angeschlagen werden müssen, finde ich eben gerade in der derzeitigen Situation fehl am Platze. Nicht, dass ich ihm unterstelle, das alles so gemeint zu haben, aber es war eben der falsche Ton. .
Aber der ist doch soooo intelligent mit all seinen Metaebenen und Kontexten, und gerade das hat er dann nicht auf dem Schirm? Hmmm...
Zitat von akri im Beitrag #318Es bleibt aber dennoch festzuhalten, dass Böhmermann das Gedicht nun einmal vorgetragen hat, obwohl ihm ja selbst bewusst war, damit etwas zu tun, was in Deutschland so gar nicht erlaubt ist.
Er hat es nicht als seine Meinung vorgetragen, sondern als Beispiel für etwas, das verboten WÄRE, wenn man es als ernsthafte Behauptung vortragen WÜRDE.
Zitat von akri im Beitrag #318Wenn man aber etwas macht, was nicht erlaubt ist, dann kann man auch dafür bestraft werden. Wie ich schon sagte, sehe ich da strafrechtlich nur wenig auf Böhmermann zukommen, da er alles in einer Sendung als Satiriker und eingebettet in den Meinungsfreiheits-Kontext geäußert hat. Für eine nicht zulässige persönliche Beleidigung halte ich das Gedicht dennoch und ich möchte auch nicht, dass Satire in Deutschland künftig mit solchen Inhalten, Beleidigungen und dem Herabsetzen der Würde arbeitet. Von daher sehe ich es so kommen, dass Böhmermann allenfalls zivilrechtlich zu einer Geldstrafe verdonnert wird, vermutlich für einen wohltätigen Zweck.
Das kann er aber ganz locker wegstecken, da jede PR-Kampagne zur öffentlichkeitswirksamen Verbreitung seines Namens doch wohl wesentlich teurer gekommen wäre. Halt Publicity auf Kosten anderer; da wo andere bei einer abendlichen Satire-Sendung mal kurz schmunzeln, muss es bei Böhmermann eben gleich eine halbe Staatsaffäre sein. Sicher hofft er schon, demnächst noch in Handschellen aus einer laufenden Sendung abgeführt zu werden, wenn es mit der Quote mal nicht so läuft. Aber die ist ja wohl einstweilen mal gesichert. Dumm nur, dass er den nächsten Türkei-Urlaub mal besser bleiben lassen sollte. Man kann halt nicht alles haben
Wahrscheinlich wird sich das nicht wegdiskutieren lassen, dass manche Menschen, so wie du, hinter der ganzen Sache nichts als karrieristisches Kalkül sehen, und andere Menschen ihm abnehmen, dass es ihm wirklich um die Inhalte seiner Sendung geht. Ich habe mich in dieser Sache für die Mitte entschieden und glaube auch, dass Böhmermann auf Aufmerksamkeit aus ist, ich würde aber nicht so weit gehen, ihn für so zynisch zu halten, dass ihm die politische Botschaft egal wäre. Ich würde sogar annehmen, dass sie im Vordergrund stand.
Zitat von TheMagneticField im Beitrag #319Aber der ist doch soooo intelligent mit all seinen Metaebenen und Kontexten, und gerade das hat er dann nicht auf dem Schirm? Hmmm...
Na, doch, das wird er schon im Blick gehabt haben. Weshalb ich die ganze Aktion ja auch nicht grundsätzlich gut finde. Kampagnenziel interessant, Umsetzung sehr grenzwertig. Ich muss mich ja aber hier nicht zwischen Fanboy und Böhmermannfeind entscheiden.
Zitat von Trondheim im Beitrag #320Er hat es nicht als seine Meinung vorgetragen, sondern als Beispiel für etwas, das verboten WÄRE, wenn man es als ernsthafte Behauptung vortragen WÜRDE.
Nein, du darfst im Fernsehen auch nicht Fotos von Juden und jüdischen Geschäften mit Hakenkreuzen beschmieren. Auch dann nicht, wäre dies ein "Beispiel" für etwas, das verboten WÄRE, wenn man es als ernsthafte Aktion durchziehen WÜRDE.
Das fehlte gerade noch, dass in allen erdenklichen TV-Sendungen künftig lauter Dinge gezeigt oder praktiziert würden als „Beispiele“ für etwas, was verboten wäre, wenn man es macht, ohne vorher zu sagen: also, ich darf dies ja eigentlich nicht so machen, aber ich will es euch trotzdem gern hier mal demonstrieren, damit auch schön alle darüber berichten, weil sich sonst kaum eine Sau groß dafür interessieren würde, wenn ich hier nur das mache, was ich auch machen darf.
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
Zitat von Trondheim im Beitrag #320Er hat es nicht als seine Meinung vorgetragen, sondern als Beispiel für etwas, das verboten WÄRE, wenn man es als ernsthafte Behauptung vortragen WÜRDE.
Nein, du darfst im Fernsehen auch nicht Fotos von Juden und jüdischen Geschäften mit Hakenkreuzen beschmieren. Auch dann nicht, wäre dies ein "Beispiel" für etwas, das verboten WÄRE, wenn man es als ernsthafte Aktion durchziehen WÜRDE.
Letztlich ist das natürlich eine juristische Frage und es kann sein, dass am Ende rauskommt, dass in dem konkreten Fall die Richter so urteilen, wie von dir vermutet. Aber ich wäre mir halt nicht so sicher. Zum Beispiel:
Bei einem Auftritt erhebt Jonathan Meese seine Hand - zum Hitlergruß. Für die verbotene Geste wird der umstrittene deutsche Künstler vor Gericht gestellt. Meese verteidigt die Aktion als Teil seiner Kunst. Das Gericht sieht das offenbar genauso.Link
Wie schon gesagt, sehe ich auch bei Böhmermann strafrechtlich eher gute Chancen, recht unbeschadet aus der Nummer rauszukommen. Zivilrechtlich könnte es enger werden. Aber das alles ist allein Sache der Gerichte und im Kontext der Kunst und künstlerischen Freiheit gab es auch schon ans Kreuz genagelte Frösche, etc. Von daher ja auch mein Seitenhieb auf das von Böhmermann nun geschaffene literarische „Kunstwerk“. Wenn ich heute so durch die (fast schon ganzseitige) Leserbriefflut im Kölner Stadtanzeiger zum Thema Böhmermann schaue, dann hat er mit seiner Satire nicht zwingend die Mehrheit erreicht – nicht wenige finden sein Verhalten schlicht geschmacklos…
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
Meese ist für mich nicht ganz vergleichbar. Das Krasse an Böhmermann finde ich, dass er - bei allem bekannten Kontext mit dem Lied vorher, der Diskussion um Meinungsfreiheit, etc - um einen Türken zu treffen anti-türkische/-islamische Klischees zitiert. Und da bin ich - auch in Kenntnis des Kontextes - dann doch bei dem Rechten, der antisemitische Klischees bemüht, um Netanjahu zu treffen. Das ist für mich eher das Gegenteil von Satire, Metaebene hin oder her. Es gibt genug Menschen, die Moslems/Türken derzeit als Ziegenficker bezeichnen.
Natürlich macht er sich das nicht zueigen, sondern distanziert sich in gewisser Weise davon. Er weiß aber, dass bei Erdogan die Verletzung ankommt.
meese ist schon vergleichbar, wenn auch sicher nur in diesem einen fall. hier geht es ebenso um eine an sich verbotene handlung, die im kontext einer künstlerischen aktion auch vom gericht als mit geltenden gesetzen vereinbahr gesehen wurde. aber wie gesagt: das ist nur die juristische ebene. niemand geht davon aus, dass böhmermann im knast landet.
und bei dem hypothetischen netanjahu-beispiel würde eben die frage zu klären sein, welche botschaft insgesamt von dem machwerk ausgeht. wenn es jemand schafft, gängige ressentiments über juden zu zitieren und dabei selbst seine distanz zu diesen äusserungen deutlich macht, müsste eine solche aktion ebenfalls von der kunstfreiheit gedeckt sein, unabhängig davon wie geschmackvoll oder gelungen diese aktion sein mag. wäre der urheber bspw. oliver polak wäre der fall recht leicht zu entscheiden. deshalb sage ich ja auch immer, dass der einzelfall entscheidet. kategorische regeln lassen sich so nicht aufstellen.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Zitat von TheMagneticField im Beitrag #319Aber der ist doch soooo intelligent mit all seinen Metaebenen und Kontexten, und gerade das hat er dann nicht auf dem Schirm? Hmmm...
du meinst, in wirklichkeit ist er saudumm? ernsthaft?
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Ich frage mich bei dieser ganzen Diskussion immer noch, wer denn eigentlich der Adressat der Satire sein sollte. Halbwegs intelligenten Leuten war vorher schon klar, dass es Grenzen für Satire gibt, der Rest wird Böhmermanns Ansatz überhaupt nicht verstehen. Möglicherweise ist bei ihm inzwischen einiges von der "Ich mach es, weil ich es kann"-Einstellung hängen geblieben, die ich Serdar Somuncu seit einigen Jahren vorwerfe.
Zitat von TheMagneticField im Beitrag #319Aber der ist doch soooo intelligent mit all seinen Metaebenen und Kontexten, und gerade das hat er dann nicht auf dem Schirm? Hmmm...
du meinst, in wirklichkeit ist er saudumm? ernsthaft?
Nein, ich halte ihn für intelligent. Insofern wird er auch da genau gewusst haben, was er tut. Ob ich das gut finde? Ich zitiere mal was ich beim Nachbarn geschrieben habe (nicht dass das hier schon erwähnt worden wäre. Weil du ja so auf Wiederholung von Diskussionsargumenten achtest )
ZitatIch denke, dass der Ansatz des Schmähgedichtes völlig in Ordnung ist, gerade weil es ja kein "Das darf man nicht sagen, ich sage es jetzt trotzdem" ist, sondern ja direkt als Vergleich zu dieser Extra3 Nummer, über die sich Erdogan dermaßen echauffiert hat, gebracht wird. Also quasi, ein "dieses Ding war völlig in Ordnung, ich gebe jetzt mal ein Beispiel für etwas, das nicht geht" (ohne damit meine Meinung wiederzuspiegeln). Was ich allerdings dann eben doch daneben finde, ist die Tatsache, dass Böhmermann viel zu wenig persönlich wird (sic!), sondern stattdessen mit rassistischen Klischees um sich wirft, die nun mal evtl. mehr Leute treffen als den eigentlichen Adressaten. Und bei jemandem der so durchaus intelligente Fernsehunterhaltung macht, kann ich fast nicht glauben, dass so etwas versehentlich passiert. Ich halte ihn für einen extrem eitlen Typen, und die überschätzen sich schon gerne mal selbst. Da wird der Bogen leicht mal überspannt. (Vor allem wenn bei der Metaebene von der Metaebene der Metaebene irgendwann nur noch die gutmütigsten Menschen versuchen wollen zu verstehen.)
Das stimmt meiner Meinung nach nur bedingt. Ich glaube, diese Sache wendet sich an die große "alles muss erlaubt sein, wir sind schließlich das liberale Herz Europas"-Gruppe, die man in der Öffentlichkeit oft in recht selbstgerechtem Ton vernimmt. Und da gibt es schon auch viele drunter, die das jetzt verstehen können. "Be deutsch" lässt sich j ähnlich lesen und wurde ebenso oft missverstanden. Vielleicht ein Anzeichen dafür, wie schwer es manchem fällt, dieses neugewonnene Selbstbewusstsein zu überwinden.