Zitat von Quork im Beitrag #105Grundsätzlich ist diese Geschichte mit all ihren wahnwitzigen Details von Suchanfragen bei Google kurz nach der Wahl und Diskussionen über wiederholte Referenden für mich ein hervorragendes Beispiel dafür, dass all die Menschen, die immer mehr direkte Demokratie fordern, leider im Unrecht sind.
moooment. dass eine ja/ nein-frage mit derartigem gefahrenpotenzial denkbar ungeeignet ist für ein referendum, werden mit sicherheit die meisten befürworter von direkter demokratie ebenso sehen. darüberhinaus war die konstellation hier eine spezielle: wenn cameron, als wichtigster vertreter der bremain-seite, es nicht schafft, für die vorzüge der eu zu werben, mit rücksicht auf die anti-europäer in der eigenen partei, kann man sich über so ein ergebnis auch nicht wundern. grundsätzlich läge in der erweiterung der parlamentarischen demokratie durch peblizite die chance, dass politiker besser für ihre projekte werben müssten, anstatt sie einfach in einem mehrheitlich schlecht informierten, sowie durch den einfluss von interessengruppen korrumpierten parlament durchzureichen. demokratie lebt von möglichst breiter beteiligung, und gemessen daran befindet sich unsere in einem jämmerlichen zustand. gleichzeitig gibt es von seiten der politik kein echtes interesse, daran etwas zu ändern. je weniger menschen wählen, desto weniger muss man auch überzeugen.
☟ smog in berlin. nichts wie hin. weil du mich küsst, bin ich kein tourist.
Großbritannien hat in der Vergangenheit schon genug mit der EU gespielt. Es wäre daher falsch, nun irgendwelche GB-internen politischen Querelen und parteiinternen Machtspiele auf dem Rücken der EU auszutragen. Fehlt ja eigentlich noch, dass GB von der EU in der Folgezeit weitere Zugeständnisse einfordert, um den Brexit „vielleicht doch noch einmal zu überdenken“ bzw. den Verbleib in der EU so möglichst vielen Briten schmackhaft zu machen…
Es ist doch hoffentlich jedem hier klar, dass ein politischer Schritt wie „Wir lassen jetzt mal darüber abstimmen, ob wir weiterhin in der EU bleiben oder nicht“ kein Kasperletheater oder ein lustiger Gag sein kann. So ein „Verhalten“ sollte man schon ernst nehmen und sich nicht auch noch vorführen lassen! Im Gegenteil, man sollte diese Gelegenheit nutzen, Großbritannien da auch in die Schranken zu weisen. Ein „Bitte Bitte kommt zurück in die EU, wir tun auch alles für euch“ darf es nicht geben. Aufgrund der britischen „Bremsfunktion“ der vergangenen Jahre dürfte es eh in der EU so manche geben, denen der Brexit doch recht gelegen kommt. Wenn er denn kommt…
Ich kann morgen auch nicht zu meinem Chef gehen und ihm sagen, dass ich ja eigentlich immer noch zu wenig Extrawürste gebraten bekomme und letztlich keinen Bock mehr auf den blöden Job und den fragwürdigen Laden habe und daher doch gerne gehen würde - irgendwann bis Jahresende bzw. wenn ich etwas Besseres hätte. Da würde mir wohl auch nahegelegt, bitte schnellstmöglich zu kündigen und auch rasch zu gehen.
"Good taste is the worst vice ever invented" (Edith Sitwell)
Zitat von Lumich im Beitrag #106moooment. dass eine ja/ nein-frage mit derartigem gefahrenpotenzial denkbar ungeeignet ist für ein referendum, werden mit sicherheit die meisten befürworter von direkter demokratie ebenso sehen. darüberhinaus war die konstellation hier eine spezielle: wenn cameron, als wichtigster vertreter der bremain-seite, es nicht schafft, für die vorzüge der eu zu werben, mit rücksicht auf die anti-europäer in der eigenen partei, kann man sich über so ein ergebnis auch nicht wundern. grundsätzlich läge in der erweiterung der parlamentarischen demokratie durch peblizite die chance, dass politiker besser für ihre projekte werben müssten, anstatt sie einfach in einem mehrheitlich schlecht informierten, sowie durch den einfluss von interessengruppen korrumpierten parlament durchzureichen. demokratie lebt von möglichst breiter beteiligung, und gemessen daran befindet sich unsere in einem jämmerlichen zustand. gleichzeitig gibt es von seiten der politik kein echtes interesse, daran etwas zu ändern. je weniger menschen wählen, desto weniger muss man auch überzeugen.
Grundsätzlich ist es natürlich immer gut, wenn Politiker die Menschen für ihre Projekte begeistern. Und wenn es tatsächlich so wäre, dass bei allen möglichen kleinen Projekten Referenden durchgeführt würden, und dann auch alle Leute informiert und interessiert hingehen und da mitmachen, dann ja, meinetwegen. Aber in der Praxis halte ich das für höchst problematisch. Welche politischen Fragen sind folgenschwer genug, um nicht durch ein Referendum gelöst zu werden? Welche Fragen sind für ein Referendum zu alltäglich? Ein Vorteil der parlamentarischen Demokratie ist doch, dass man sich als Normalbürger nicht mit allen, allen politischen Vorgängen und ihren Folgen im Detail auseinandersetzen muss, was ja ein Vollzeitjob wäre (weshalb man es für einige Leute zum Vollzeitjob macht). Wenn jetzt die direkte Abstimmung immer häufiger wird, glaube ich ehrlich gesagt nicht, dass deshalb die Informiertheit der Masse massiv ansteigen wird. Das Werben um Wählermeinungen vielleicht schon – aber nicht die Ausgewogenheit des öffentlichen Meinungsbildes. Vielleicht bin ich auch zu sehr Pessimist, aber so ein Ereignis wie der Brexit zeigt doch auf, dass Wähler bei ganz bestimmten Anliegen eben auch leicht ins Netz von Populisten gehen können. Denn die "werben" ja auch "für ihre Projekte" und sind sehr gut darin.
Meiner Meinung nach ist direkte Demokratie nur auf lokaler Ebene geeignet, von mir aus maximal bis zum Land. Ob sie ein Schwimmbad wollen oder das Geld lieber sparen können die Leute vor Ort gut einschätzen. Welche Folgen ein EU-Austritt für ein Land hat können ja schon Wirtschaftswissenschaftler schwer einschätzen. So große Weichenstellungen sollte nicht von der Laune von zwei, drei Prozent abhängen.
Zitat von Johnny Ryall im Beitrag #104http://www.tagesspiegel.de/meinung/nach-dem-brexit-referendum-juncker-und-schulz-fuehren-sich-wie-betrogene-ehegatten-auf/13790544.html
Auch ich verstehe das Verhalten von Juncker und Schulz nicht.
Wenn man jetzt den Eindruck erweckt, man könne austreten, sich in aller Ruhe die Vorteile rauspicken und die Nachteile vermeiden, gibt das den Austritts-Befürwortern in Holland, Frankreich und Co Auftrieb.
Auch ich werde zunehmend skeptisch gegenüber direkter Demokratie. Ein Problem dabei ist, daß sich häufig verschiedene Ebenen darin vermischen, es meist einfach gegen "die da oben" geht und statt dem Austausch von Argumenten Emotionen und Rassismus geschürt werden (hier ist übrigens der Ausdruck Lügenpresse nicht ganz fehl am Platz- man denke an die Hetzblätter der Schweiz oder Great Britain). Denkbar in längerem Zeitfenster wäre m.E. dennoch, daß- nach entsprechender Reform der politischen Institutionen- z.B. Verträge wie der Lissaboner Vertrag oder wenn es um Erweiterung geht es europaweit zur Abstimmung käme, nicht also nur in den einzelnen Nationalstaaten, was zu- höchst undemokratischen- Blockaden führen kann (die EU in Geiselhaft für nationale Versäumnisse). Dies hätte den Vorteil, daß europaweit kontroverse Diskussionen über das für- und wieder geführt würden und es würde zu einer europäischen Identität beitragen.
Zitat von Back Door Man im Beitrag #111Auch ich werde zunehmend skeptisch gegenüber direkter Demokratie. Ein Problem dabei ist, daß sich häufig verschiedene Ebenen darin vermischen, es meist einfach gegen "die da oben" geht und statt den Austausch von Argumenten Emotionen und Rassismus geschürt werden (hier ist übrigens der Ausdruck Lügenpresse nicht ganz fehl am Platz- man denke an die Hetzblätter der Schweiz oder Great Britain).
Das ist allerdings nicht nur ein Problem der "direkten Demokratie", sondern der (westlichen) demokratischen Staaten im allgemeinen - diese Faktoren spielen ja auch bei Parlamentswahlen zunehmend eine Rolle. Die Macht der Yellow Press in UK verschaffte dem EU-Referendum nochmal eine spezielle Note.
“Troubled times, kids, we got no time for comedy.” (Phife Dawg)
Schon richtig, nur laden Volksabstimmungen mit einem einfachen ja/nein geradezu zur Polarisierung und Simplifizierung ein- es gibt kein "Grau", keine Zwischentöne, kein Kompromiss (was ja die indirekte Demokratie und auch in gewisser Hinsicht die EU mit ihren komplexen Interessensausgleichmechanismen, mit Checks and Balances bisweilen auszeichnet).
Ja, absolut. Stimme faxefaxe auch zu, dass direkte Demokratie vermutlich nur auf lokaler Ebene wirklich funktioniert. Wenn es nicht die gelbe Hetzpresse eines australischen Milliardärs ist, wäre es eben die Filterbubble, die Einfluss nähme. Gibt ja schon einen Grund, warum wir das System haben, das wir haben.
“Troubled times, kids, we got no time for comedy.” (Phife Dawg)
Mit meiner misanthropischen Ader halte ich ja 60% (Minimum) der Gesellschaft für mehr oder weniger Vollpfosten, und bin damit ganz eindeutig gegen solche Referenda auf höchster Ebene. Der ganze Wahnsinn ist ja schon bei "normalen" Wahlen kaum noch aufzufangen.
und das internet tut sehr vielen menschen zusätzlich nicht gut. ich bin ein großer freund unserer repräsentativen demokratie, und sehe das problem eher darin, dass es ausser mode gekommen ist, die vorhandenen und erprobten mittel der beteiligung wie parteien und interessenverbände (ja, auch die heilpraktiker und umweltaktivisten haben eine lobby!) zu nutzen, anstatt das eigene desinteresse an dicken brettern in politikverachtung umzuwerten. dann sind natürlich die da oben schuld, die uns immer nur belügen, obwohl wir doch das volk, und automatisch in der mehrheit sind, aber natürlich von dunklen mächten gesteuert werden, die dafür sorgen, dass alle schlafschafe eine falsche meinung haben.
Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach die Elitenverachtung (Politik, Wirtschaft, Medien). Alles, was von der Seite kommt, wird eh nicht geglaubt, insofern sind die Leute für den Diskurs nicht mehr erreichbar.
Ja, wird wirklich mal wieder Zeit, dass es den Leuten wirtschaftlich besser geht bzw nicht auch die Mittelschicht so große Angst vor dem Absturz haben muss. Dann ist Elitenverachtung auch kein (so großes) Thema mehr, und der allseits grassierende Rassismus und völkische Nationalismus hätten weniger Nährboden. Die soziale Frage ist die wichtigste der nächsten Jahre, wenn es nicht noch schlimmer werden soll.
“Troubled times, kids, we got no time for comedy.” (Phife Dawg)